XeniNews

Wer steckt hinter den „Corona-Helden“ aus Berlin?

Von Xenia Brühl, 18.10.2020

Diese Frage haben sich mein Kollege Markus Günster und ich in der „Buschruf“-Redaktion schon ziemlich lange gestellt.

Ursprünglich hatte Markus als erstes die geniale Idee gehabt, dem Ganzen irgendwie nachzugehen – und ich habe ihn daraufhin dann mit meinem professionellen Know-How tatkräftig unterstützt. Aber ganz ehrlich – dass dieses Vorhaben ein Beitrag in den „XeniNews“ werden würde, hätten wir dabei nicht gedacht.

Markus zeigte mir die Webseite dieses scheinbaren Unternehmens, das tatsächlich den einprägsamen Namen „Corona Held“ trägt: corona-held.org. [1] Und wir sind begeistert. Ein Unternehmen, das Bedürftigen auf der Straße hilft; verteilt auf mehrere Standorte in Berlin [1]. Tolle Sache: Die bekommen freie Verpflegung; geliefert über ein (Zitat) „Corona-Lastenrad“ [1].

Klingt doch klasse, dachten wir uns. Die müsste man echt mal auf ein Interview bekommen! Bei dieser grenzenlosen Nächstenliebe für unsere Ärmsten! In Folge dessen machten wir uns auf die Suche nach diesen „Corona-Helden“ auf – doch dann kam alles völlig anders als erwartet.

Noch auf der Seite sehen wir, wie das Engagement zustande kommt – in Folge von Crowdfunding auf startnext.com [1]. Dort sammelt „Corona Held“ nämlich Spenden, damit es die Obdachlosen kostenfrei beliefern kann. Des weiteren ist auch noch ihr Träger mehr als deutlich eingeblendet – die „Global New Generation Berlin“ [1]… Aha – das Ganze ist also dort zusätzlich mit eingebettet.

Am Freitag, 16.10.2020, treffen wir uns dann zu einer Exkursion. Wir wollen eine Adresse besuchen, die als Sitz von „Corona Held“ in deren Webseite genannt wird: Prenzlauer Allee 186, 10405 Berlin [1]. Dort soll dann das Interview wenn möglich gleich vor Ort stattfinden. Auch eine Telefonnummer und E-Mail sind mit angegeben – weshalb das Ganze einen sehr sympathischen Eindruck macht: +49 (0) 30 – 61 63 66 27 und coronaheld@gngberlin.de [1].

Während wir dann so unterwegs sind, berichtet mir Markus über erste Versuche, „Corona Held“ zu kontaktieren. Alle seien irgendwie misslungen, weil die angegebene E-Mail-Adresse nicht so richtig funktioniert habe – und über die Telefonnummer niemand rangegangen wäre. Ich lausche sehr interessiert seinen Worten – und wir beschließen, das Ganze hier noch einmal auszuprobieren. Nicht nur irgendwo in Berlin, sondern vor ihrem Standort – der Prenzlauer Allee 186. Diese liegt direkt gegenüber vom großen Areal des Bezirksamts Pankow; nur wenige Minuten von der S-Bahn-Station in der „Prenzlauer Allee“ entfernt.

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Nicht einmal die direkten Nachbarn wissen über „Corona Held“ Bescheid
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Die Nummer 186 finden wir auf Anhieb. Es ist ein schöner Altbau mit sehr großräumigen Erkern – und einem Coworking Space für Frauen unten im Erdgeschoss. Viel scheint dort allerdings gerade nicht wirklich los zu sein; die Räumlichkeiten wirken stattdessen irgendwie ein wenig verwaist.

Unmittelbar rechts neben deren Eingang entdecken wir dann eine Eingangstür – und suchen nach Namen auf Klingelschildern… Wenn hier alle Mitbewohner der Prenzlauer-186 stehen, müsste doch eigentlich auch „Global New Generation“ dort mit abgebildet sein – oder etwa nicht? Steht sogar noch möglicherweise „Corona Held“ dort irgendwo mit drauf?

Eine erste Überraschung: Wir finden nichts. Keinen einzigen Namen, der „Corona Held“ oder „Global New Generation“ mit beinhaltet… Daraufhin beschließen wir, ein wenig um die Ecke zu gehen – vielleicht gibt es ja an der sich direkt anschließenden Stubbenkammerstraße noch einen weiteren Eingang in das Haus, das zwischen dieser und der Prenzlauer Allee als Eckhaus gut platziert ist.

Doch auch hier: nichts… Fehlanzeige… Wir sind erst mal ratlos. Denn das hatten wir nicht erwartet… Wir wollten doch eigentlich nur ganz spontan bei den „Corona-Helden“ auftauchen, um mit ihnen dort ein kleines Interview zu machen! Aber dass sie dann an diesem Ort so gar nicht auffindbar sind, der uns unter „Kontakt“ in ihrer Webseite genannt worden ist, hat uns dann doch ein wenig überrascht… Wir beschließen, direkt vor dem Haus stehend, die Telefonnummer aus der Webseite zu wählen – und dort einmal nachzufragen, wo genau sie sich im Haus befinden.

Nach dem Anwählen von +49 (0) 30 – 61 63 66 27 erreichen wir aber niemanden. Stattdessen kommt lediglich ein Anrufbeantworter, bei dem wir irgendetwas draufsprechen können. In ihm selbst gibt es nicht einmal den leisesten Hinweis, dass es sich um die „Corona-Helden“ handelt.

Wir entscheiden daraufhin, auf den AB zu sprechen – und, zu sagen, dass wir vor dem Gebäude stehen. Des weiteren, noch zusätzlich mit darum zu bitten, ob es irgendwie möglich wäre, jetzt ein kleines Interview zu kriegen… Doch leider Fehlanzeige – es meldet sich keiner. Auch nicht Tage nach dem Besuch.

Das kluge Projekt „Corona Held“ kommt uns dadurch echt komisch vor. Und wir beschließen, enge Nachbarn dort vor Ort zu befragen, was sie von ihren großzügig helfenden Nachbarn denn so wissen… Dabei dann erleben wir eine weitere Überraschung: Im Coworking Space für Frauen, den ich vorhin schon erwähnt hatte, kann sich eine Mitarbeiterin nicht wirklich viel zu ihnen erklären. Sie kennt sie nicht einmal… Und auch nebenan im Nachbarhaus, in einem kleinen Friseursalon, hat niemand irgendetwas von „Corona Held“ oder „Global New Generation“ gehört.

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In den Räumen von „Buschruf“ werden wir dann schließlich fündig
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Richtig merkwürdig wird es dann, als prompt ein Briefträger am Haus auftaucht. Und dort auch gleich noch etwas einzuwerfen hat. Ich beschließe ganz spontan, ihn zu den beiden einprägsamen Namen „Corona Held“ und „Global New Generation“ zu befragen… Das Ergebnis: ebenfalls nichts! Der Mann kennt keine einzige Partei, die sich in diesem Haus befindet, „Corona Held“ oder „Global New Generation“ heißt; mit „Corona Held“ oder „Global New Generation“ zu tun hat! Er kann sich nicht einmal daran erinnern, im Namen von „Corona Held“ oder „Global New Generation“ jemals irgendetwas geliefert zu haben! Merkwürdig. Äußerst merkwürdig.

Auch Passanten, die an uns vorüberlaufen, können mit den einfachen Begriffen „Corona Held“ und „Global New Generation“ in Verbindung mit dem ganz speziellen Haus direkt neben ihnen an der Straßenecke nicht viel anfangen. Nicht mal im Bezirksamtsbereich, wo wir Einzelne von ihnen treffen… Wir befragen diese daraufhin dann auch nach einer Information – innerhalb des weitläufigen Ämterkomplexes, an der wir zusätzliche Fragen stellen könnten. Doch wir finden auf ihre genaue Beschreibung hin lediglich einzelne schwarze Container, die dort temporär mit aufgestellt sind – und, ganz offensichtlich, in der Zeit geschlossen sind. Nur in einem einzigen Container brennt noch Licht.

Daraufhin treffen wir dann jene Entscheidung, unsere Suche hier zu beenden – und, uns gemeinsam in die „Buschruf“-Redaktion aufzumachen. Hier wollen wir im Anschluss weitergehend eigene Recherchen starten. Denn dass offensichtlich niemand direkt vor Ort von diesen Menschen gehört hat, die „Corona Held“ ins Leben gerufen haben – und auch niemand etwas von einer „Global New Generation“ weiß – hat in uns das Feuer für mehr investigativen Journalismus voll entfacht… Wenn wir dort schon niemand von den Leuten vor das eigene Mikro bekommen – wer genau steht bitte dann jetzt hinter den „Corona-Helden“?

In den Räumen der „Buschruf“-Redaktion werden wir tatsächlich fündig. Und entdecken im Impressum der „Corona Held“-Webseite unter „Kontakt“ noch folgenden Zusatz (Zitat): „Inhaltlich Verantwortliche gem. § 55 II RStV: Sonja Prinz“ [2]… Aha! Das hier ist unser erster Name!

Des weiteren werden wir auf startnext.com folgende weitere Namen entdecken, die als Initiatoren des Projektes ganz groß präsentiert werden: Benjamin Diaby und Leo E. Valiente Bauer, laut der Webseite angeblich (Zitat): „Zwei junge Unternehmer“[3]. Auch eine Frau namens Lalia Diaby ist mit von der Partie – offenbar ein Teil der Unternehmerfamilie Diaby [3].

Wenn wir dann in startnext.com die Namen von diesen Personen anklicken, kommen wir zuerst einmal überhaupt nicht weiter. Denn hier müssten wir ganz plötzlich erst mal Daten eingeben, um uns dort mit einzuloggen; dabei sind wir aber beide nicht in startnext.com. Wir beschließen deshalb, völlig anderweitig weiterzusuchen – irgendwo muss es ja die zusätzliche Info geben, was diese Diaby-Familie sonst so alles treibt (wenn nicht gerade groß Corona ist).

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Hinter dem besonderen Projekt stecken junge Unternehmer
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In der Seite des Vereins „Global New Generation e. V.“ werden wir dann schließlich fündig. Dort wird unter „Unsere Vorstände“ Folgendes mit angegeben: Neben einer Frau namens Hoda Abdallah, die für (Zitat) „Administration und Abrechnung“ zuständig ist, tauchen unsere altbekannten Namen Sonja Prinz und Lalia Diaby auf [4]. Sonja Prinz ist bei „Global New Generation e. V.“ für (Zitat) „Projektentwicklung und Umsetzung“ eingeteilt, Lalia Diaby dagegen für (Zitat) „Vorstandsassistenz“ – und, Zitat: „Öffentlichkeitsarbeit und Ehrenamtskoordination“ [4].

Dann überrascht uns eine weitere Adresse, die auf der Facebook-Seite gngberlin.de zu finden ist: Upsalaer Straße 6, 13189 Berlin [5]. Offensichtlich die Adresse des Vereins „Global New Generation Berlin e. V.“, der in der URL mit „gngberlin“ abgekürzt ist. Spannenderweise taucht dann aber etwas weiter unten im Impressum plötzlich wieder Prenzlauer Allee 186 auf – als Sitz von „Global New Generation Berlin e. V.“! [5] Beide Adressen haben auch noch ein und dieselbe Telefonnummer: +49 (0) 30 – 61 63 66 27! [5]

Entweder ist insofern der Verein der „Global New Generation“ an den beiden Orten präsent – oder aber möglicherweise umgezogen, wobei dann eine der verschiedenen Adressen noch nicht aktualisiert worden wäre… Vielleicht ist die Adresse im Impressum auch Verwaltungs- oder Meldeadresse, während der Verein an sich am anderen Ort beheimatet ist.

Und dann sticht uns auf der Seite gngberlin.de unter „Kontakt“ das selbe noch einmal ins Auge – mit einer wichtigen Ergänzung: In der Prenzlauer Allee 186 sei die offizielle Meldeadresse von „Global New Generation Berlin e. V.“ [6]. Wir finden sogar noch zusätzlich zu der bisherigen Telefonnummer eine weitere Handynummer: +49 (0) 176 23 47 04 17 [6]. Die Adresse in der Upsalaer Straße 6 ist wiederum ein Freizeitzentrum – eines von insgesamt 2 derartigen Zentren; das Andere befindet sich im Bisamkiez in Potsdam [6]. Als Vorstand tauchen in der selben Seite wieder Hoda Abdallah, Sonja Prinz und Lalia Diaby auf [6].

Übrigens: Von „Corona Held“ ist auf diesen Seiten nichts mehr zu lesen. Insofern scheint das Ganze auch nach längerer Recherche ein befristet angelegtes Herzensprojekt von „Global New Generation Berlin e. V.“ zu sein, weshalb man dann auch nichts an irgendwelchen Briefkästen und Klingeln lesen kann. Zu Benjamin Diaby steht in diesen Seiten ebenfalls nichts – das bedeutet, dass Benjamin Diaby beruflich einer anderen Tätigkeit nachgehen muss – und nicht ein Teil von „Global New Generation e. V.“ sein kann.

Bei der Suche nach Benjamin Diaby stoße ich recht schnell auf seine LinkedIn-Seite, in der ich dann auch endlich erfahre, was genau er selbst tatsächlich macht: Er ist seit März 2020 (Zitat) „Account-Manager“ bei der migRaven GmbH [7]. Diese ist ein Berliner Softwarehersteller [8]. Zuvor war er wiederum von Januar 2019 bis in den Januar 2020 hinein Vertriebsmitarbeiter bei der GASAG-Gruppe [7].

Damit ist klar: Hinter den „Corona-Helden“, die den Obdachlosen durch die Pandemie hindurch behilflich sein wollen, stecken wirklich spannende Leute. Nur schade, dass wir sie nicht irgendwie haben sprechen können. Wie gerne hätten wir sie selbst vor Ort zu einem kleinen Interview gehabt.

Quellen:

[1] Corona Held (Homepage): https://corona-held.org/

[2] Corona Held (Kontakt): https://corona-held.org/kontakt/

[3] Startnext.com: https://www.startnext.com/coronaheld

[4] Global New Generation Berlin e. V. (Vorstände): https://www.gngberlin.de/unsere-vorstaende/

[5] Global New Generation Berlin e. V. (Facebook): https://www.facebook.com/pg/gngberlin/about/?ref=page_internal

[6] Global New Generation Berlin e. V. (Kontakt): https://www.gngberlin.de/kontakt-impressum/

[7] Benjamin Diaby (LinkedIn): https://www.linkedin.com/in/benjamin-diaby-1251a41a4/

[8] migRaven GmbH (LinkedIn): https://www.linkedin.com/company/migraven/

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