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Was passiert mit dem ehemaligen Kinderkrankenhaus Berlin-Weißensee?

Von Xenia Brühl, 25.05.2020

Diese Frage habe nicht nur ich mir immer wieder gestellt. Denn das Gebäudeensemble ist in einem desolaten Zustand – dem einer Ruine… Und das, obwohl es doch eigentlich noch unter Denkmalschutz steht.

Aber wieso musste es letztendlich dazu kommen? Hierzu lohnt sich ein detaillierter Blick in die Geschichte dieses ganz besonderen Ortes:

1911 wurde das Klinikum eingeweiht, um gegen die viel zu hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit vorgehen zu können. [1] Der Gemeindebaurat Weißensee, Carl James Bühring, hatte in seinen Plänen für das Krankenhaus sogar noch einen Stall für insgesamt 36 Kühe eingeplant, um durch diesen die Versorgung aller Kinder mit Milch sicherzustellen. [1 & 2] Hierfür war auf dem 28.000 m² großen Areal zu damaliger Zeit genügend Platz vorhanden. [1]

Die Weißenseer Gemeindeväter waren insbesondere deshalb ganz besonders stolz auf dieses Krankenhaus gewesen, weil es das erste kommunal geführte Säuglings- und Kinderkrankenhaus Preußens war. [2] An seiner Finanzierung war der Landkreis Niederbarnim beteiligt, zu dem Weißensee bis dato flächenmäßig gehörte. [2]

Carl James Bühring plante von Anfang an ein mehrteiliges Gebäudeensemble, in dem in seiner Anfangszeit bis zu 40 Patienten behandelt werden konnten. [2] Es gab neben einer chirurgischen Abteilung zusätzlich noch weitere, um HNO- und Hautkrankheiten zu behandeln. [2] An den Kuhstall angeschlossen existierte eine Molkerei. [2]

Neben dem Haupthaus wurde für Schwestern, die sich seinerzeits in Ausbildung befanden, ein Hörsaal errichtet. [2] Darin fanden auch öffentliche Vorträge zur Säuglingspflege statt. [2] Weil das Krankenhaus gut angenommen wurde, wurde sein Kontingent an Betten danach schrittweise erhöht – bis auf insgesamt 100 Stück. [2]

1996/97 erfolgte dann aber ein radikaler Einschnitt, von dem sich das Gebäudeensemble letztlich nicht erholen konnte: Der Berliner Senat entschied, das Krankenhaus aus Kostengründen vollständig zu schließen. [1 & 2] Zusätzlich waren die Bevölkerungszahlen rückläufig gewesen, wodurch dann auch ein weiterer Betrieb des Krankenhauses unwirtschaftlich wurde. [2] In Folge dessen stand das Areal einige Jahre leer. [2]

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Das Krankenhaus hatte einen Stall für 36 Kühe, um die Versorgung mit Milch sicherzustellen
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Danach wurde weiter versucht, neue Interessenten zu gewinnen, die sich um das städtebaulich prägende Filetstück kümmern – es wieder neu instandsetzen sollten, damit es für eine gute neue Zukunft optimal gerüstet werden konnte. Hierfür erfolgten mehrere Ausschreibungen, die aber letztlich erfolglos blieben. [1] In Folge dessen entschied dann der Liegenschaftsfonds im Jahr 2006, das Gelände an die Firma MWZ BioResonanz zu veräußern – mit der Auflage, die Gebäude zu sanieren. [1]

Im „Tagesspiegel“ ist wiederum von November 2005 die Rede – wo das Areal angeblich durch die MWZ gekauft worden war. Vom Liegenschaftsfonds Berlin. [3]

Irina Dvoryadkina, die Käuferin des Areals und russische Biophysikerin, versprach daraufhin, bis zu 10 Millionen Euro in das Krankenhaus zu investieren – und bis spätestens 2015 eine „voll funktionsfähige“ Einrichtung zu schaffen. [1] Es sollte in den Räumlichkeiten ein wissenschaftliches und medizinisches Gesundheitszentrum entstehen. [3]

Doch was passierte dann? Nichts… Das Denkmal verfiel stattdessen immer weiter – und es gab sogar noch mehrere Brände auf dem Grundstück. [1 & 3] Allein von Januar bis Ende Juni 2013 hatte es insgesamt 11 mal dort gebrannt, wie der damalig veröffentlichte Beitrag aus dem „Tagesspiegel“ zeigt. [3]

Fabian Zschau, der in Sichtnähe des Krankenhauses in der Piesporter Straße lebte, berichtete damals folgendes (Zitat): „Zuerst war alles ruhig(…) im Januar diesen Jahres gingen die Brände los – meist abends, wenn es dunkel ist“. [3]

Die Feuerwehr wiederum notierte in ihren Aufzeichnungen, dass es im Januar 2013 innerhalb von einer Woche bis zu dreimal gebrannt hatte; im März dann 50 Quadratmeter Dach ganz plötzlich unter Flammen standen. [3] Im April 2013 brannte es angeblich weitere zwei Mal; im Mai musste die Feuerwehr gleich vier Mal anrücken. [3]

Bei den Bränden wurden herumstehender Müll sowie Gerümpel angezündet – was wiederum zur Folge hatte, dass Flammen aufs Gebälk von einzelnen Gebäudeteilen übergriffen; ja sogar ganze Teile des Daches und Zwischendecken einstürzten. [3] Durch die jetzt undichte Dachabschirmung gelangte fortan Regenwasser in die Gebäude hinein; weichte diese auf. Es kam verstärkt zu nassen Wänden; Böden gaben plötzlich nach. [1]

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Januar bis Ende Juni 2013 hatte es im Krankenhaus 11 mal gebrannt
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Ein weiteres Mal brannte es dann den Aufzeichnungen der Feuerwehr zufolge am 06. Juni 2013, wo der Dachstuhl auf einer Fläche von 80 Quadratmetern zerstört worden war. [3] Die Rauchsäule war damals kilometerweit zu sehen; Kosten für die Einsätze beliefen sich nach Schätzungen auf mindestens mehrere zehntausend Euro. [3] Ob und wann es später dann noch Brände im Gelände gab, war bei meiner Recherche leider nicht zu ermitteln.

Das frühere Säuglings- und Kinderkrankenhaus Weißensee entwickelte sich fortan zu einem sogenannten hippen „Lost Place“; es wurde von sehr vielen Fotografen für (Innen-)Aufnahmen in Vergänglichkeit entdeckt. [3] Aber auch Graffitikünstler fühlten sich hier wohl. [3] Zugleich wurden die extrem baufälligen Ruinen ein Zufluchtsort für Obdachlose, die in ihnen immer wieder gesichtet wurden. [3]

Aber nun zurück zu den Verkaufsverhandlungen von Liegenschaftsfonds und MWZ: Nach der Erklärung des damaligen Käufers, das gesamte Ensemble zu sanieren, war das Land Berlin zunächst von einem guten Verkauf ausgegangen. Einem wirklichen geschäftlichen Erfolg – weil jetzt endlich etwas passierte… Als dann aber klar war, dass die MWZ nichts unternahm, um alle Gebäudeteile irgendwie instandzusetzen – und vor ihrem da schon drohenden Verfall zu retten – bemühte sich das Land Berlin, das Areal wieder zurückzubekommen. [2]

Doch dies war erst der Anfang eines unendlichen Dramas: Die MWZ war insolvent; es wurde ca. 2016 ein Insolvenzverfahren eröffnet. [2] Der eingesetzte Insolvenzverwalter sah daraufhin das einstige Krankenhaus in der Hansastraße 178/180 als wesentlichen Vermögensgegenstand der MWZ an – und hatte deshalb vor, das Grundstück an einen Investor zu verkaufen. [2]

Der Erlös für diesen Verkauf sollte dann wohl an die Gläubiger der MWZ ausgezahlt werden… [2] Doch das Land Berlin war gegen diese Pläne; spielte da nicht mit. [2] Es drang stattdessen seinerseits auf Herausgabe des Grundstücks, woraus sich dann ein Klageverfahren auf Rückgabe und lastenfreie Rückübertragung der Immobilie an das Land Berlin entwickelte. [2]

Inzwischen befindet sich das ganze Areal wieder im Eigentum des Landes Berlin. [1] Des weiteren wird es von ihm auch bewirtschaftet, wie die BIM-Sprecherin Johanna Steinke in der „ImmobilienZeitung“ erklärte. [1] Es habe schon jetzt bereits einzelne Sicherungsmaßnahmen gegeben. [1]

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Wohnungsbau, Gesundheitscampus – oder eine Schule?
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Was aber jetzt in einem nächsten Schritt passiert? Erst mal keine Umbauten, Ausbauten oder Reparaturen. [1] Geschweige denn ein Abriss. [1] Stattdessen wird „geclustert“ – was bedeutet, dass in einem durch die BIM koordinierten Prozess Verwaltung und Bezirk über die weitere Nutzung des Areals entscheiden. [1] Soll das Grundstück jetzt ein weiteres Mal veräußert werden? [1] Oder wäre es möglich, dass das Land Berlin es langfristig braucht? [1] Dieser Vorgang läuft jetzt schon seit 2015. [1]

Wie die „IZ“ berichtet, könnte sich der Berliner Senat in dem Bau- und Gartendenkmal Wohnungsbau vorstellen. [1] Ebenso einen Gesundheitscampus. [1] Der große Bezirk Pankow hingegen, zu dem ja Weißensee gehört, wäre eher für eine Schule an der Stelle – wenn möglich, eine größere Gemeinschaftsschule. [1] Optional wären aber aber auch eine Sekundarschule mit integrierter gymnasialer Oberstufe sowie ein Kindergarten möglich. [1]

Thorsten Kühne (CDU), der Bezirksstadtrat für Schule, Sport, Facility-Management und Gesundheit, hatte daraufhin dieses Projekt für die Investitionsplanung 2019-23 angemeldet (Stand des „IZ“-Artikels: 08.08.2019). [1] Nach dieser Bestätigung stünden (Zitat) „finanzielle Mittel für die Erstellung einer Machbarkeitsstudie für den Schulstandort zur Verfügung“. [1]

Im selben Zeitraum finden fortan denkmalschutzrechtliche Untersuchungen statt: Sind das städtebaulich prägnante Haupthaus, der Hörsaal oder das Bettenhaus überhaupt noch irgendwie die Bausubstanz betreffend zu retten? [1] Was da am Ende rauskommen wird, ist bis heute völlig offen.

Im wirklich allerschlimmsten Fall ist das denkmalgeschützte Ensemble Geschichte; könnte der Abriss des einst so prächtigen Stolzes Weißensees drohen… [1] Ob den Stadtvätern damals wirklich klar gewesen ist, wie ärmlich ihr so wegweisendes Leuchtturmprojekt zugrunde gehen könnte? Wohl kaum.

Insbesondere Gemeindebaurat Carl James Bühring würde sich im Grab rumdrehen, sobald er irgendwie erfahren könnte, in welchem desaströsen Zustand sich sein so sehr geliebtes Herzensprojekt heute befindet. Das einstig erste kommunale Kinderkrankenhaus Preußens. [2]

Quellen:

[1] ImmobilienZeitung (IZ): https://www.immobilien-zeitung.de/152470/zaehe-rettung-kinderklinik

[2] Berliner Woche: https://www.berliner-woche.de/weissensee/c-bauen/einst-war-das-kinderkrankenhaus-der-stolz-der-weissenseer-stadtvaeter_a142114

[3] Tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de/berlin/ehemalige-kinderklinik-berlin-weissensee-eigentuemer-ueberlassen-das-baudenkmal-dem-verfall/8394656-all.html

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