GayChurch Berlin (Predigten)

Foto oben: Das aktuelle Team der GayChurch Berlin

Von links nach rechts: Ryszard Kaczmarek, Frank Nerlich, Wolfgang Beyer, Xenia Brühl, Anette Detering. Dieses Foto ist nach einem Gottesdienst in der Auferstehungskirche Berlin-Friedrichshain entstanden

© Wolfgang Beyer, 21.09.2022

Unsere Predigten aus der „GayChurch Berlin“

Habt ihr hierzu Fragen, Vorschläge oder Anregungen? Hinterlasst uns hierfür einfach eine Nachricht: GayChurchBerlin@gmail.com !


22. November 2022

Liebe Geschwister,

die Offenbarung des Johannes ist das letzte Buch der christlichen Bibel. Und es geht in diesem Buch um Offenbarung derjenigen Verhältnisse, die unsere Situation und unser Leben eigentlich bestimmen. Die Johannes-Offenbarung ist berühmt für ihre drastischen Bilder, für zugespitzte Darstellungen von Gewalt. Die Situation von Herrschaft und Unterdrückung ist ein wesentliches Kennzeichen der Welt, die uns dieses Buch zeigt. Und diese Situation trifft für ganz viele Menschen in der Welt ganz genau zu. Unsere Geschwister in Uganda, im Iran, in Katar, in Marokko und auf der ganzen Welt erleben genau diese Situation. Schwule, Lesben und Transgender erleben die Tränen, die Trauer, das Geschrei – und diese fürchterliche und alltägliche Mühsal. Wir erleben in einem ganz großen Teil dieser Welt, was es bedeutet, sterblich zu sein. Und solange Menschen ihre eigene Sterblichkeit als etwas so Grausames erleben müssen, nur weil sie Transgender, schwul oder lesbisch sind; so lange brauchen wir auch genau diese drastischen Bilder, die unsere Situation zu 100% beschreiben.

„Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“ So sagt es Gott im Buch des Propheten Jesaja. Und die Johannes-Offenbarung zitiert dies fast wörtlich. Die Offenbarung Gottes und damit auch die des Menschen verändert alles: Himmel und Erde. Im christlichen Glauben geht es nicht darum, dass absolut Böses und absolut Gutes in irgendwie getrennten Sphären nebeneinander existieren würden. Nein, der christliche Glaube ist in dem Sinne allumfassend, als dass wir glauben, alle Menschen sind doch betroffen. Alle Menschen leiden doch unter der Zwangsherrschaft ganz bestimmter Vorstellungen davon, wie Männer und Frauen zu sein haben – und welchem übergeordneten Zweck unsere Sexualität zu dienen habe. Wir alle sind doch Opfer!

Und genau diese Vorstellung vom Menschen begegnet uns hier in diesem Text der Johannes-Offenbarung. Menschen sind hier ausschließlich Opfer – und nicht Täter. Es geht auch nicht mehr darum, dass ihre Sünden verschwinden. Wir sind hier schon im letzten Gericht, vor dem Spiegel, in dem sich uns allen offenbart, welchen Schaden wir uns selbst zugefügt haben. All die Menschen, die wegen auch noch so kleiner Abweichungen von bestimmten Moral- und Sexualvorstellungen andere Menschen verfolgt und sogar getötet haben, erkennen in diesem Spiegel, wie sehr sie selbst Opfer einer unmenschlichen Ideologie geworden sind. Sie werden die Verzweiflung, die Angst und die Tränen, die sie ausgelöst haben, nicht nur sehen – sondern selber fühlen. Am eigenen Leib werden sie sterben. Davon hören wir in dem Vers 8 des 21. Kapitels, der von der Perikopenordnung verständlicherweise nicht aufgenommen wurde. Aber diese Sache ist doch ganz zentral für eine wirklich christliche Rede vom letzten Gericht oder gar vom Fegefeuer. Unsere Verfolger werden die Situation unserer Verfolgung und unseres Sterbens selber erleben in diesem Gericht: „Das ist der zweite Tod.“, heißt es in der Offenbarung.

Erst dieser wichtige Aspekt unseres Glaubens spricht doch aus, dass es wirklich Jesus Christus, der am Kreuz gestorben ist für alle Menschen – zur Vergebung der Sünden – dass Jesus Christus wirklich herrschen wird; dass unsere Situation überhaupt relevant ist.

Dass der Tod nicht mehr sein wird, dass Gott abwischen wird alle Tränen von ihren Augen; dass weder Trauer, noch Geschrei, nicht einmal mehr der Zwang zur Anpassung, diese Mühsal, sich selbst zu verleugnen. Dass das wirklich überwunden werden wird, muss ganz unweigerlich und zuerst die Täter und die Verfechter heteronormativer, patriarchaler und cis-normativer Ideologien als Opfer ihrer eigenen Macht entlarven.

„Ich bin das Alpha und das Omega“. Gott umfasst in Jesus Christus – und in seiner Art und Weise, zu herrschen – das alles: das Täter- und das Opfersein. „Ich will den dürstenden geben von der Quelle des lebendigen Wassers, umsonst.“ Wir haben einen Durst, der uns von Gott gegeben wurde. Einen Durst nach wahrer Identität, nach Freiheit vom Zwang, uns selbst die Freiheit erst erkämpfen zu müssen. Und diesen Durst stillt keine Macht der Welt, sondern dieses Wasser ist selbst lebendig und verschenkt sich selbst. Und wir überwinden den Zwang, zuerst danach zu schauen, was andere Menschen über uns denken – und wie sie vielleicht negativ auf uns reagieren könnten. Wir überwinden diesen Mechanismus, der dem Tod unterworfen ist; niemals aber Leben schaffen kann. Wir überwinden das alles – in dem Menschen, der heute für alle Queers weltweit zum Symbol der Freiheit und der Selbstbestimmung geworden ist. Die allein von Gott ihre Kraft erhält.

Amen.

16. November 2022

Liebe Geschwister,

das Lukas Evangelium greift die Frage nach dem, was Sünde ist, mit zwei Legenden auf. In diesen Legenden gibt es Menschen, die – um es mal ganz allgemein zu sagen – im Leben endgültig und tragisch gescheitert sind. Das ist einmal eine Gruppe von Menschen aus Galiläa, die von Pilatus getötet wurden – und deren Blut dann auch noch mit dem Opferblut von Tieren vermischt wurde. Eine besondere Herabwürdigung. Und dann sind da noch Menschen, die von einem Turm erschlagen wurden. Ein ganz starkes Bild dafür, dass Menschen Opfer werden – von Mächten, die sie selber nicht in der Hand haben. Es stecken in beiden Legenden ganz starke Zuspitzungen dessen, was es heißt, Opfer der eigenen Ohnmacht zu werden, Opfer einer Sphäre oder Macht, die ich selber gar nicht beeinflussen kann.

Das Kuriose an diesen Legenden war aber zur Zeit Jesu, dass diese Menschen, die da Opfer geworden waren, als Prototypen von Sündern galten. Diese Geschichte erzählen die Leute, um ein Beispiel für einen schlechten Menschen zu geben. Dass das möglich ist – auch heute bringen wir alle ähnliche Beispiele, wenn wir etwas sagen wollen über Schuld und Versagen – und das hängt zusammen mit einem ganz bestimmten Denkmechanismus. In den biblischen Wissenschaften wird das als der Tun-Ergehen-Zusammenhang bezeichnet: Alles, was wir tun, wird sich auf unser Leben auswirken und hat unweigerlich Konsequenzen. Auch wenn es auf den ersten Blick nur eine Nebensache zu sein scheint, unwichtig, ja unsichtbar. Weil nur ich und sonst niemand anderes davon weiß; alles hat seine Folgen. Das hochsensible Bewusstsein für diesen Zusammenhang von Tun oder auch Nicht-Tun und dem Ergehen, d.h. meinen gegenwärtigen Zustand – geht es mir schlecht oder gut – in der Bibel gibt es für diesen Zusammenhang ein hochsensibles Bewusstsein. Das Problem dabei ist nur, dass der Zusammenhang auch einfach umgedreht und mit den Kategorien Sünder und Gerechter linear verbunden werden kann. Wem es also schlecht geht, wer keine Arbeit hat oder wer Prüfungen auf den verschiedenen Wegen von Bildung nicht besteht, der muss ganz offensichtlich etwas falsch machen. So denken wir – wenn wir mal ehrlich ganz tief in unserem Herzen alle schauen. Und genauso war es auch zur Zeit Jesu. Wer ans Kreuz geschlagen wurde, war ganz eindeutig kein Gerechter, auch kein Märtyrer. Die Hoffnung der Jünger Jesu war insgeheim, dass ihr Herr und Meister im Tempel einziehen würde – und siegreich auf einen Thron steigen würde. Die Vorstellung vom Kreuz als dem Zeichen des Sieges konnte es einfach nicht geben.

Das war der Kontext der beiden Legenden, von denen wir heute im Evangelium gehört haben. Es genügte schon, diese beiden Geschichten zu erzählen. Jeder hat das sofort verstanden. Die erste Legende von den getöteten Galiläern erzählen die Leute – und dann setzt Jesus noch eins oben drauf und formuliert die zweite Geschichte von denen, die vom Turm erschlagen wurden gleich als Frage: „Meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.“

Jesus widerspricht gar nicht dem Zusammenhang vom Tun und den Konsequenzen unseres Tuns – nicht einmal in diesem zugespitzten Bild vom umstürzenden Turm. Jesus erkennt aber die Intention dieser Legende – und Motivation der Menschen, diese Legende in bestimmten Lebenssituationen wie eine Pistole aus der Weste zu ziehen. Mit solchen Horror-Geschichten wollen sich die Menschen distanzieren. Sie können eine solche Geschichte nur deshalb ganz schamlos und in voyeuristischer Manier erzählen, weil sie zu hundert Prozent überzeugt sind, selber nicht so zu sein. Das ist der eigentliche Zweck der Horrorgeschichten über Homosexuelle, die gerne vermischt werden mit allen möglichen abwertenden und als pervers geltenden Imaginationen von Sex und Pornografie. Und mit dem tragischen Ende vieler Homosexueller, die in dieser Welt scheitern – und zu kaputten Menschen werden oder ganz schlicht sterben. Und Jesus sagt nun nicht, dass der Zusammenhang von Homosexualität und dem Scheitern nicht besteht; Jesus sagt aber: ihr seid es doch selbst, die ihr euch distanzieren wollt mit euren Horrorgeschichten! Von euch ist doch die Rede in euren eigenen Geschichten, ja von ganz Jerusalem! Diese Horrorgeschichten erzählen doch eure eigene Geschichte, wenn ihr nicht endlich aufhört mit eurer Haltung der inneren und auch äußeren Distanzierung! Denn diese Haltung hat auch ihre Konsequenzen. Sie wird euch selbst nicht gerecht. Es ist nicht wahr, dass ihr das Gegenteil von Homosexuellen oder Transgender seid. Überhaupt sind eure Einteilungen der Menschen keine Aussagen über die Wirklichkeit von Menschen, sondern nur ein erbärmlicher Versuch, euch selbst zu retten. Ihr werdet euch dabei aber verlieren! Und ihr werdet genauso und noch viel schlimmer zu Grunde gehen als die Zerrbilder von Menschen in euren Geschichten!

Und dann spricht Jesus in einem Gleichnis vom Feigenbaum im Weinberg. Und dieser Feigenbaum bringt keine Frucht. Das ist eine Anspielung auf die Art und Weise, wie Menschen sich mit ihren Horrorgeschichten, mit ihrem Klatsch und Tratsch selbst und anderen Menschen die Würde rauben. Sie bringen keine Frucht, weil sie ihre eigene Verstrickung einfach nicht wahrnehmen wollen – und sie hysterisch von sich weisen. Diese Weigerung ist destruktiv – und führt letztlich zu Krieg und Zerstörung. Und einen solchen Baum will der Besitzer des Weinberges nicht. Er will ihn aushauen lassen.

Und doch ist der Gärtner im Weinberg voller Hoffnung. Und er ist ein Fürsprecher des Feigenbaumes: „Sie alle sind emanzipations- und erlösungsbedürftig, sie alle sind aber auch, mein lieber HERR, durch dein Wort befähigt, Emanzipation, d.h. Befreiung aus der Herrschaft dieser alten Horrorlegenden in sich selbst zu erleben. Gib ihnen also noch einmal ein Jahr.“

Amen.

08. November 2022

Liebe Geschwister,

auf die Frage, wann denn das Reich Gottes kommen würde, antwortet Jesus nicht mit einer Zeitangabe. „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier! oder: Da!“ Wenn Jesus über das Reich Gottes spricht – über die Basileia tou theou – dann sagt er etwas über die Art und Weise, wie Gott selber lebendig ist. Basileia ist nicht nur ein Begriff für das Herrschaftsgebiet eines Königs, das sich ganz klar durch Grenzen bestimmen ließe, Basileia ist vor allem die Form der Herrschaft selber. Und die Form der Herrschaft Gottes ist nicht die eines Parteiprogrammes oder die eines Staates – nicht einmal die einer Demokratie, in der Macht geteilt wird, weil sie sonst alles zerstören würde. Die Form der Herrschaft Gottes ist, seine Macht preiszugeben. „Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht.“

Gott stirbt am Kreuz. Seine Macht und die Art und Weise, wie Gott lebt und regiert, erkennen wir erst im Nachhinein. Unser Blick in die Zukunft bleibt verstellt durch uns selbst. Es ist Gnade – und wird unser ganzes Leben verändern, wenn wir erfahren, dass Gott uns schon die ganze Zeit geliebt hat. Auch als wir uns selbst nicht lieben konnten. Dass seine Herrschaft schon lange da ist – und dass sie immer in dem Raum sein wird, in dem auch wir sind. „Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Nicht ein linearer Zeitpunkt gilt in den Augen Gottes, sondern das Hier-und-Jetzt. Hier-und-Jetzt ist etwas ganz und gar Relatives. Es entzieht sich jeder Normierung, weil es im Hier-und-Jetzt um mich selbst geht. Das sagt Jesus allen, die nach Definitionen der Herrschaft Gottes und damit nach der Definition Gottes selbst fragen. Gott lässt sich nicht mit euren Maßstäben einfangen.

Gott ist keine Kategorie wie Homo oder Hetero, die dazu dient, die Herrschaft der Einen über die Anderen sicherzustellen. Gott entscheidet sich aber doch irgendwie für eine dieser Kategorien. Das ist das merkwürdige an seiner Herrschaft. Er entscheidet sich für die Kategorie der Minderheit – oder für die Kategorie der Machtlosen. Die Menschwerdung Gottes – also unser Glaube an Jesus Christus – bedeutet, dass Gott sich irgendwie auf unsere Kategorien einlässt. Und dabei konterkariert er die Kategorie selbst. Gott konterkariert unsere Vorstellung von einer Einteilung der Menschen in Homos und Heteros, in Trans und Cis, in Opfer und Täter, in Leben und Tod; und Gott tut dies indem er sich ganz freiwillig dafür entscheidet, selbst ein Homo zu sein, selbst Trans zu sein, selbst Opfer zu werden und selbst in den Tod zu gehen. Gott zeigt damit der ganzen Welt, dass sie – die Welt – die genannten Kategorien Homo, Trans, Opfer und Tod braucht, um sich selbst herzustellen. Die Welt braucht Minderheiten, die definierbar sind – und die vor allem Opfer sind, um selber vermeintlich nicht Opfer zu werden. Ich werde von den Männern als „Schwule Sau“ angemacht. Lesben und Trans werden von den Menschen verfolgt, die selber Angst haben, aus der Herrschaftskategorie herauszufallen. Weil sie nämlich genau spüren, dass diese Herrschaftskategorien wie Hetero, Cis oder auch das immer ewige Tätersein und das Leben beherrschen. Sie spüren, dass das gar nichts ist, das diese Kategorien überhaupt nicht real sind; dass sie ständig durch enorme Leistung und Anpassung und Selbstverleugnung hergestellt werden müssen. Und dieses Gespür dafür, dass die Kategorie der Normalität ohne Geschichte, ohne Identität ist, das macht Angst, selber nicht Teil der Herrschaft zu sein – und deshalb eben Opfer zu sein oder zu werden.

Und indem Gott nun selber die Kategorie des Leidens und des Opfers wählt, geht er genau auf diese Angst ein. Die Menschwerdung Gottes offenbart nicht nur etwas über Gott, sondern vor allem über die Welt und über die Menschen; etwas, das die Welt und die Menschen selber nicht zulassen können. Die Offenbarung Gottes ist die Offenbarung der Haltlosigkeit – und vor allem der Gewalttätigkeit der Kategorien wie Homo und Hetero, deren Aufrechterhaltung letztlich keinen anderen Zweck hat, sich selbst die entscheidende Frage nach der Bedeutung meiner Gefühle, meiner Sexualität und meiner ganzen Leiblichkeit eben von diesem Leibe fern zu halten. Gott aber geht selbst in die Leiblichkeit hinein – und er entlarvt darin den Versuch der Welt, sich zu stabilisieren durch die Erfindung von Definitionen, Kategorien und Herrschafts- und Unterdrückungsidentitäten. Sich selbst zu stabilisieren ohne Gott.

Und nun ist Gott hier. Inmitten des Raumes der bürgerlichen Normalität, wo Menschen essen, trinken, heiraten und sich heiraten lassen. Bemerkenswert: „heiraten und sich heiraten lassen“ als Ausdruck der Normalität. Und in den Raum, in dem die Normalität herrscht, bricht hier und jetzt Gottes Herrschaft an.

Darum geht es bei den letzten Dingen. Nicht ein absehbarer Plan erfüllt sich, nicht die Bestätigung des Normalen – sondern das, was jetzt schon zwischen den Zeilen zu erleben ist. Das, was Queers weltweit heute schon erleben, wenn sie anfangen, aufzustehen. Ihren Familien die Wahrheit über sich und über diese Familien selbst zu sagen. Die Erfahrung der Ablehnung und der gleichzeitigen Befreiung, einer bis dato unbekannten Perspektive, wird am Ende allen Menschen zugänglich werden.

Amen.

25. Oktober 2022

Liebe Geschwister,

das Markusevangelium spricht von Jesus als dem Menschensohn: „Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden…“. Der Begriff Menschensohn scheint zunächst einmal gerade Menschlichkeit auszudrücken. Es heißt ja nicht Gottessohn, sondern eben Menschensohn. Das Spannende ist nun, dass ausgerechnet mit diesem Begriff die Beziehung Jesu zu Gott thematisiert wird.

Die Erzählung von der Heilung eines Gelähmten – wie Markus sie überliefert – wird aus einer neuen Perspektive verstanden. Sehr wahrscheinlich war der ursprüngliche Grund, weshalb dieser Kranke nicht durch die Tür, sondern über das Dach ins Haus gebracht wird – der ursprüngliche Grund war nicht die Menge von Menschen, sondern der Versuch, den Krankheitsdämon zu verwirren. Er soll den regulären Eingang des Hauses nicht kennen, um nicht zurückkehren zu können. Bei Markus wird daraus aber ein Glaubensmotiv, dass sich auf Jesus bezieht. Der Glaube und das Vertrauen sind so stark, dass jedes Hindernis überwunden wird.

Das Zentrum der ganzen Erzählung aber ist der Zusammenhang dieses Menschensohnes und der mit ihm verbundenen Heilung; einer Heilung, die meine gesamte Existenz betrifft, meinen Körper und mein eigenes Bewusstsein von mir selbst. Und das Kuriose ist nun, dass Jesus diesen Zusammenhang durch ein ganz schlichtes Wort zum Ausdruck gebracht hat, das uns hier bei Markus in einzigartiger Weise und aller Wahrscheinlichkeit nach absolut authentischen Wörtlichkeit überliefert ist. Jesus sagt nämlich folgendes zu dem Kranken: „Kind, deine Sünden sind vergeben.“ Vielleicht habt ihr den kleinen Unterschied zum Luthertext gehört, der in der Lesung gesprochen wurde. Dort hieß es: „Deine Sünden, sind dir vergeben.“ Jesus sagt es aber viel schlichter. In dieser Schlichtheit – deine Sünden, sind dir vergeben – liegt etwas sehr Radikales!

Jesus fordert den Kranken auch nicht auf, zu glauben. Mutig zu sein – oder sich nicht zu fürchten. Nein – alles nicht! Keine Bedingung, keine Aufforderung, irgendetwas zu tun. Nur eine Anrede – wieder auch nicht: „mein Kind“, sondern ganz schlicht „Kind“. Und das Radikale in diesem Satz ist der Glaube Jesu. Das Radikale ist die Art und Weise, wie Jesus Gott versteht. Nicht der Glaube der Menschen, die zu Jesus kamen, war stark – sondern der Glaube Jesu. Sein Gottesverständnis ist radikal, weil es das allererste Wort ist, das Gott selber unmittelbar und ganz konkret zu Adam – zum Menschen – spricht: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du ganz gewiss essen!“. Jesus nimmt dieses Wort Gottes wirklich ernst. Alles ist schon entschieden, weil Gott dir schon alles zugesprochen hat.

Dieses radikale Wort steht im Zentrum dieser Erzählung. Und es löst natürlich Widerspruch aus. Und die Widersprechenden führen – wie sollte es anders sein – nichts Geringeres als Gott selbst ins Feld: „Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ Dabei hat Jesus das ja gar nicht bestritten. Aber: Jesus hat diese Sündenvergebung ernst genommen. Er hat sowohl die Schwere der Sünde selbst ernst genommen – Gott nämlich dieses umfassende Wort der schöpferischen Zusage nicht wirklich zuzutrauen. Sondern genau am Entscheidenden, an seiner schöpferischen und gleichzeitig heilsamen Vollmacht zu zweifeln. Gleichzeitig hat Jesus genau diese schöpferische und gleichsam heilsame Vollmacht ernst genommen. Und das hatte zur Folge, dass Jesus dieses Wort Gottes, seine Zusage, das Evangelium, die frohe Botschaft, genau dann ausgesprochen hat, wenn Menschen darauf angewiesen waren.

Und das hat Widerspruch hervorgerufen. Und zwar einen solchen Widerspruch, dass Jesus – nicht durch einen einzelnen Verfolger, auch nicht durch eine einzelne Gruppe – sondern von allen verraten und gekreuzigt wurde. Der in der Erzählung erwähnte Widerspruch wird ja zunächst einmal nicht offen ausgesprochen. Jesus erkennt aber die Herzen. Und das – das ist etwas, das die allerersten Christen Jesu als ein echtes Gottesprädikat zuschreiben konnten. Weil sie selber nämlich erfahren haben, dass sie auch Verräter waren; dass sie keinen Glauben hatten, als Jesus am Kreuz hing. Dass ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen war durch diesen Tod. Sie haben erfahren, dass sie selber die Worte Jesu nicht wirklich ernst nehmen konnten. Und sie haben erst durch die Begegnung mit dem auferweckten Jesus verstanden, dass ihr Unverständnis Jesus gegenüber ein Unverständnis Gott gegenüber war.

Was bedeutet das nun alles? Es bedeutet, dass Gott sich ausschließlich und vollkommen zeigt in einer Zusage, die auf nichts anderes zielt als auf das, was wir mit dem Wort Queer versuchen, auszudrücken. Das, was alle Religionen, die über den Gott der Schöpfung sprechen und sein Wort unbeirrt meinen, zu führen – das, was sie wie selbstverständlich als Gottesferne oder sogar Gotteslästerung bezeichnen und bis auf den Tod verfolgen – Homosexualität und die Abweichung von genormten geschlechtlichen Zuschreibungen – genau das ist Gegenstand der Zusage Gottes. Unsere Homosexualität und unser anderes Bewusstsein von Geschlechtlichkeit sind nicht das Problem, von dem wir geheilt werden – sondern genau das ist das Geschenk Gottes, für das Gott zu danken und Gott zu loben wir niemals aufhören wollen.

Amen.

19. Oktober 2022

Liebe Geschwister,

der Fokus aller drei Texte, die wir heute gehört haben – die Zehn Gebote, die Mahnung des Epheserbriefes, dass wir uns nicht sinnlos zur Verdrängung unserer Situation als LGBT in dieser Welt von Wein, sondern vom Geist berauschen lassen sollen und dann der junge Mann, den Jesus liebgewinnt und der einfach nicht auf die herrschenden Bestätigungsmechanismen verzichten kann – der Fokus bei all dem liegt auf uns, auf dem Menschen. Und dann stellen die Jünger Jesu mit Entsetzen fest, dass Menschen eigentlich nichts tun können. „Wer kann dann selig werden?“ Eigentlich: „Wer kann gerettet werden?“ Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind selber alle nicht so reich wie der Jüngling, der da nach dem ewigen Leben fragt. Aber sie sind trotzdem persönlich betroffen, es geht ihnen durch Mark und Bein, als sie erleben, wie unmöglich es diesem Menschen ist, von etwas loszulassen. Es wird mit einem Schlag erkennbar, dass all das, was dieser Mensch zuvor an religiösen Anforderungen erbracht hatte, die Gebote zu halten; dass das quasi ein Benefit war on top zu dem Status, den dieser Mensch in dieser Welt schon besessen hat. Hier wird nicht das Problem des Geldes entlarvt, sondern das Problem von Weltanschauungen, die Gott und die Welt gar nicht realistisch anschauen können. „Was muss ich tun, um das ewige Leben als Besitz zu empfangen?“ In diesem Satz liegt die Tragik des Menschen. Wir können uns nicht vorstellen, dass wir schon erlöst und gerettet sind. Wir können uns nicht vorstellen, dass Gott auch sein kann, ohne unser Tun. Hinter diesem Satz steckt letztlich die Vorstellung, dass wir es sind – die Menschen – die das Ewige Leben und das Reich Gottes herstellen. Aber die Gerechtigkeit Gottes besteht eben darin, dass er uns rettet, obwohl wir alle den Gedanken, dass wir rettungsbedürftig sind, zutiefst verabscheuen. Seine Gerechtigkeit ist die Liebe für uns Menschen, die nicht liebenswert sind.

Und dies zu reflektieren, dass wir in unserem Leben in einer tiefen Krise stecken, dass wir immer eigentlich nur nach Benefits suchen, die uns das Leben behaglich machen, dass uns eigentlich andere Menschen am Ende nicht so wichtig sind, wie unser eigenes Gefühl der Behaglichkeit – dies zu erkennen und dann auch zu begreifen, dass uns das alles gar nichts nützt; im Gegenteil, dass dieser Weg in die Behaglichkeit häufig ein Weg in den Untergang ist. Ein Weg in die Anpassung, dies alles zu begreifen und zu reflektieren, setzt voraus, dass uns genau dafür unser Drang zur Anpassung vergeben wurde. Gleichzeitig können wir aber Vergebung erst dann wahrnehmen und als Erlösung aus diesem Kreislauf erkennen, wenn wir unsere Verstrickung reflektiert haben. Dieser Satz „kauft die Zeit aus, denn es sind böse Tage.“ hat etwas mit dem Durchbrechen dieses Mechanismus zu tun. Aber wir können die Zeit nicht auskaufen. Genau das beweist der junge reiche Mann allen, die um Jesus versammelt sind.

Die Ermahnungen aller neutestamentlichen Briefe zu einer bestimmten Lebensführung haben also immer etwas sehr Paradoxes. Ähnlich paradox wie all die Forderungen von Aktivisten der LGBT-Communities an die Regierungen und Staaten dieser Welt. Emanzipation, Rettung und Erlösung lassen sich nicht per Gesetz und auch nicht durch das beste Bildungssystem herstellen. Es geht bei dem Ewigen Leben nicht um neue Normen, ein neues Gesetz, sondern es geht darum, die Vergangenheit und uns selbst und unser ganzes Leben in einem völlig neuen Licht zu erfahren.

Die wichtigste Form des queeren Aktivismus ist die, sich selbst lieben zu lernen und den eigenen Weg als einen Weg zu begreifen, den Gott selber in Jesus Christus vorausgegangen ist. Das hat eigentlich wenig mit Religion zu tun. Es ist vielmehr das Ende aller religiösen Weltanschauungen, auch der eines totalitären Atheismus, der gar keine Liebe kennt. Auch wenn dieser Gottesdienst mit seinen Ritualen traditionelle Formen der christlichen Kirche – und viele würden eben sagen, einer Religion – praktiziert, so geschieht dies als Ausdruck der Erfahrung, dass Jesus Christus einer von uns ist; dass der Geist, der uns nun gegeben ist, genau dieses – unser Anderssein in dieser Welt – zu einem Zeichen seiner Liebe werden lässt, die diese Welt einfach nicht begreifen kann.

Amen.

12. Oktober 2022

Liebe Geschwister,

wir haben heute in dem Evangelium eine einzigartige Szene gehört. Es vollzieht sich so etwas wie ein Streitgespräch zwischen einer Frau und dem Menschen, von dem Christen glauben, dass er Gott ist. Und das Einzigartige an dieser Szene ist, dass diesen Streit die Frau gewinnt – ganz eindeutig! Wir erkennen an dieser Szene, dass das Christentum kein Personenkult ist – auch, wenn wir glauben, dass Jesus Christus Gott ist. Er ist eben nicht nur Gott – sondern mit ihm untrennbar verbunden ist das Evangelium, die Botschaft von der Befreiung aller Menschen. Und dieses Evangelium ist – wie der Apostel Paulus sagt: „eine Kraft Gottes, die alle erlöst, die daran glauben, Juden zuerst und ebenso die Griechen.“

Und diese Kraft zur Befreiung und Erlösung ist ein Phänomen, das mit unser aller Leben zu tun hat. Es ist das Phänomen der Stellvertretung. Plötzlich spricht jemand für mehr als nur sich selbst. Es wird etwas ausgelöst, dem wir uns alle nicht entziehen können. Und offenbar kann und will Gott selber, sich dem auch nicht entziehen.

Beim Propheten Jesaja beginnt mit dem Kapitel 49 eine ganz andere Sprache: „Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf!“ So etwas hat bisher Gott gesagt. Hier spricht aber nicht Gott. Hier spricht עֶבֶד, ein Sklave! Es spricht urplötzlich ein Mensch, von dem wir alle nicht erwartet haben, dass dieser Mensch überhaupt sprechen kann. Öffentliches Sprechen ist ein Privileg der Herrschenden aber nicht das eines Eved. Und weil das so ist in dieser Welt, deshalb ist der zweite Satz dieses Sklaven eine Rechtfertigung vor der Welt, die ihn gerade von dieser Welt unabhängig macht:

„JHWH hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.“

Diese Rechtfertigung macht unabhängig von der Welt und gleichzeitig sagt sie, dass der Sklave mehr ist nur er selbst. Dieser Sklave ist Israel – ein ganzes Volk. Das aber reicht noch nicht. Die Rechtfertigung dieses Sklaven will wirklich sagen, dass die ganze Welt – nämlich die Welt, die die Existenz eines Sklavenlebens überhaupt erst verantwortet, dass diese Welt sich selbst und ihre eigene Befreiung und Erlösung in einem Sklaven erkennen kann.

Das ist die Macht Gottes. Und das ist die frohe Botschaft, die durch keine noch so homo- und transphobe Gesellschaft aufgehalten werden kann. Dieser junge schwule Pastor Ram aus Uganda ist tatsächlich zu dieser Stimme geworden mitten in einer Arrestzelle der Polizei: „Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf!“ – Ihr Mitgefangenen, ihr Polizisten, ihr die ihr mich denunziert habt – und über mich gesagt habt, ich sei die Schwule Sau, die jetzt zur Vergewaltigung freigegeben ist; an der ihr eure scheinbare Macht beweisen könnt, um euch abzugrenzen von dem, wovor ihr so große Angst habt – vor eurer eigenen sexuellen Betroffenheit – hört mir zu, die ihr meint euch selbst durch Gewalt und Ausgrenzung und durch Verbote herstellen zu können. Und dann haben diese Gefangenen und sogar die Polizisten zugehört. Sie haben ihre Augen und Ohren nicht trauen können, dass diese schwule Sau, dass dieser Gefangene, dieser Sklave, dass ein Eved Gottes Sprache spricht.

Pastor Ram sagte mir gestern Abend: „Als ich das Gefängnis verließ, riefen die Gefangenen: Um Gottes willen, verhaftet niemals mehr Pastor Ram! Und sogar die Polizisten waren begeistert und einige wollten Kontakte mit mir austauschen. Sie wollten unbedingt mehr erfahren über diese LGBT-‚Sache‘.“

Die Botschaft der Bibel ist die Queerness Gottes – d. h. sein Wille, dass wir selber ihn in der ihm angemessenen Weise repräsentieren, ohne uns auf die Macht dieser Welt zu berufen. Wir können uns in dem Kampf um unsere Befreiung darauf berufen, dass es um die Befreiung aller Menschen geht; der ganzen Welt. Und wir können uns darin auf Gott selber berufen.

Amen.

28. September 2022

Liebe Geschwister,

für diesen Gottesdienst schlägt die Leseordnung der Evangelischen Kirche den berühmten Text aus dem Buch Genesis vor. Ihr habt ihn gehört. Es ist die Erzählung von der Schöpfung Gottes im 2. Kapitel des Buches Genesis. Hier liegt der Fokus auf dem Menschen.

Und die Leseordnung gibt eine kurze und eine lange Variante für die Lesung vor. Ich habe mich für die Kurze entschieden – denn Kürze ist immer gut. Aber, in beiden Varianten sind die nach meinem Verständnis entscheidenden Verse nicht enthalten. Und zwar sind das die Verse 16 und 17 in Gen 2. Gott setzt den Menschen nicht nur in den Garten Eden. Der biblische Text sagt auch etwas zu dem Spannungsverhältnis, in dem unser aller Leben von Anfang an steht. Die erste Aussage, die Gott zum Menschen macht, steht im Vers 16 – und jetzt stelle ich den Satz einmal so um, wie er im hebräischen Text eigentlich steht: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du auf jeden Fall essen.“ Das erste Wort Gottes an uns ist eine bedingungslose und umfassende Zusage, die in Ewigkeit Gültigkeit haben soll – und durch nichts erschüttert werden kann. Von allen Bäumen – מִכֹּ֥ל עֵֽץ־הַגָּ֖ן – damit beginnt der Satz. Und dann wird das Verb „essen“ in einer stilistischen Figur ausgedrückt, die im Deutschen nicht nachgemacht werden kann. Es wird das Wort „essen“ einfach zweimal gesagt. Und damit soll ausgedrückt werden, dass das auf jeden Fall gilt.

Ohne diesen Satz können wir diesen ganzen Text über die Schöpfung des Menschen nicht verstehen. Er ist das Evangelium, das schon in der Schöpfung Gottes anbricht. Und dazu gehört ein zweiter Satz, ohne den das Evangelium und die Botschaft von der anbrechenden Liebesherrschaft Gottes wiederum nicht zu begreifen ist. Und um diese geht es nämlich im heutigen Evangelium, das Anette gerade vorgetragen hat.

„Von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, wirst du auf jeden Fall sterben.“ Auch hier haben wir wieder diese stilistische Figur der Wortverdoppelung, und zwar bei dem Wort sterben. Wir alle müssen sterben! Das war natürlich den Verfassern dieses Textes klar. Und deshalb musste dieses Wort hier auch so stark gemacht werden. Unsere Grundsituation ist bestimmt von der unumstößlichen Tatsache, dass wir alle sterben werden. Das Phänomen unseres eigenen Todes sollten wir niemals unterschätzen.

Ein guter Freund, der vor einigen Wochen einen schwulenfeindlichen Angriff in der Öffentlichkeit erlebt hat – und danach die Polizei gerufen hat; und dann auch von der Polizei Schwulenfeindlichkeit erleben musste – dieser Freund war bei mir und brach in Tränen aus. Und dann fragte er mich – und dabei quasi sich selbst. Warum herrscht in dieser Welt eigentlich diese Homofeindlichkeit und diese Gewalt? Warum ist auf Berliner Schulhöfen das Wort „schwul“ noch immer eines der meistgebrauchten Schimpfwörter? Und dann habe ich ihm gesagt: Weil wir alle in der Situation leben, sterben zu müssen; und weil das unsere ganze Existenz – unser Handeln und Denken – immer und überall bestimmt. Diese kleinen Männer, die uns schon auf den Schulhöfen gejagt haben – und uns das Schwulsein schon in einem freundlichen Blick ablesen konnten – diese Männer leben mitten im Leben; im Tode.

Die biblische Rede vom Tod – und auch das zweite Wort Gottes über diesen kommenden Tod – geht weit über den physischen oder biologischen Tod hinaus. Und so kommt es ja dann auch. Adam und Eva essen von dem besagten Baum, und sie sterben ja gar nicht. Nein, wir alle haben und essen immer wieder von diesem Todesbaum. Nicht indem wir bestimmte böse Dinge tun – das tun wir auch, aber darum geht es nicht. Und außerdem problematisiert diese fundamentale Aussage über den Tod – und damit auch über die Sünde – diese Aussage problematisiert ja gerade den ideologischen Dualismus von Gut und Böse. Wir essen aber alle davon, indem wir die erste Aussage und Zusage Gottes nicht wirklich ernst nehmen können. Wir können es offenbar nicht! Wir alle suchen nach einer anderen Identität als der, die uns Gott da zuspricht; wir brauchen irgendwie den Angreifer – und wir wollen irgendwie selber gerne zum Angreifer werden. Und das einzige Mittel, dies zu werden, besteht darin, Angst zu verbreiten. Wir müssen anderen Menschen Angst einjagen, um selber irgendwie auf der sicheren Seite zu sein. Und diese fürchterliche Verstrickung – unsere Verstrickung als Opfer und Täter – das ist der Tod, von dem die Bibel spricht. Und das ist es auch, was das ganze Wort Jesu von den weltlichen Sorgen meint. Es ist die Sorge, die uns von Gott entfernt hat, weil wir alle der Schlange immer wieder glauben.

Es war im Übrigen eine Frau und dann auch ihr Mann, die den erwähnten Freund in der Öffentlichkeit homofeindlich attackiert haben. Und diese Angreifer leben mit uns zusammen in einer Welt, in der das öffentlich ausgesprochene Wort „Schwul“, „Schwuchtel“ oder auch diese wunderschöne Kombination „Gay-Schwuchtel“ – wir sind in einer Welt, in der mit diesem Wort Angst und Schrecken verbreitet werden kann. Und wir alle sorgen uns darum, nicht dem Bann dieses öffentlich ausgesprochenen Wortes zu unterliegen. Wer möchte das schon? Mein Freund hatte es erlebt, was dieser Bann bedeutet. Er glaubte zunächst, sich helfen zu können durch seinen Anruf bei der Polizei. Aber das war falsch! Der Bann setzte sich fort. Er musste nun erklären, weshalb er öffentlich auf einer Parkbank geraucht hat. Er wurde plötzlich zum Täter erklärt. Und auch in den dann folgenden Gesprächen mit den nächst höheren Abteilungen setzte sich die Wirkung dieses Bannes fort.

„Mein lieber Stefan“, habe ich dann gesagt, „die letzte Ursache für diese Gewalt ist die Tatsache unseres Todes – den wir mit allen Mitteln abwenden wollen – aber genauso auch die homosexuelle Betroffenheit der Täter oder Täterinnen, die genauso mit allen Mitteln abgewendet werden soll.“ Homo- und Transfeindlichkeit sind nicht einfach einzelne Akte oder Handlungen von Heteros gegen Homos oder von Cis gegen Trans, sondern sie sind ein gesellschaftliches Klima, unter dessen Bann alle Menschen leben müssen. In der kollektiven Selbstverständlichkeit der Angst vor Homosexualität und Transidentitäten liegt der Kern des Unglaubens der Menschheit. Wir brauchen die hetero- und cisnormative Reproduktionsideologie, um ohne den lebendigen Gott auszukommen.

Aus dieser Ideologie hat uns Jesus Christus befreit. Und er hat uns verheißen, dass wir leben werden mit ihm und mit der ganzen Community der Heiligen.

Amen.

22. September 2022

Liebe Geschwister,

diesen Gottesdienst feiern wir im Gedenken an Matthäus. Er gilt als ein Jünger Jesu – und mit seinem Namen wird das längste der vier Evangelien im NT, das Matthäus-Evangelium, verbunden. Über seine Person und sein Leben wissen wir so gut wie nichts.

Seine Berufung wird aber in einen ausgesprochen interessanten Zusammenhang gesetzt. Matthäus ist ein Zöllner und gilt daher als Sünder. Seine Existenzweise widerspricht den herrschenden religiösen Regeln und Vorstellungen. Und ausgerechnet in dem Evangelium, das nach diesem Zöllner benannt wurde, sagt Jesus den Satz, der auch uns Homosexuellen immer wieder um die Ohren geschleudert wird: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten auflösen, … sondern zu erfüllen.“ (Mt 5,17)

Der Zöllner Matthäus fängt nicht plötzlich an, die religiösen Ordnungen einzuhalten, sondern er fängt an, seine Geschichte mit Jesus zu erzählen. Die Radikalität dieses Evangeliums besteht darin, dass es Kirche Jesu als eine Kirche versteht, die auf dem Fels dieser Erzählung unserer Geschichte als Ausgegrenzte steht. Denen nichts anderes übrig bleibt als sich auf Gott zu berufen – nicht auf die Natur oder auf irgendwelche sinnstiftenden Ordnungen oder Religionen – sondern auf den Gott, der sich in einem von uns gezeigt hat.

„Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche bauen will, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“

„Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Dieses Bekenntnis fasst die Erfahrung, die der Zöllner Matthäus selber gemacht hat, auf einen Punkt zusammen. Es ist das Ergebnis und die Folge einer ganz bestimmten Erfahrung – der Erfahrung von Diskriminierung und Befreiung – nicht die Voraussetzung. Und das ist es, was die Erfüllung von Gesetz und Propheten in Jesus Christus unterscheidet von einem Ritualismus, der mit einem lebendigen Gott eigentlich gar nicht rechnet.

Und ich glaube, dass dieser Ritualismus und die mit ihm eingepflanzte Angst, lebendig zu werden; ich glaube, dass uns das in diesem Land alle beherrscht. Nicht das Leben, sondern die Furcht vor dem Leben herrscht.

Xenia ist am letzten Mittwoch – am Todestag von Ella – aus dem Schatten dieser Furcht hervorgetreten. Xenia hat vor dem Roten Rathaus das ausgesprochen, was ihr und vieler anderer Transgender Wunsch ist: einen Ort und ein sichtbares Zeichen zum Gedenken an Ella zu schaffen. Sie hat diesen Wunsch in einer lauten und deutlichen Sprache öffentlich zum Ausdruck gebracht. Und dann hat sich plötzlich herausgestellt, dass es solche Pläne zur Schaffung eines sichtbaren Gedenkens gibt; dass sie wohl auch schon in Arbeit seien. Aber mit keinem einzigen Wort wurde darüber gesprochen. Dabei ist das öffentliche Aussprechen, die Ausformulierung dieses Wunsches so wichtig – und schafft Befreiung – und setzt dann die Realisierung auch in Gang.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Dinge für uns realisiert werden – von oben nach unten durchgestellt. Dass bestimmte Leute bestimmte Verbindungen und Pöstchen in Parteien, Vereinen oder bei Regierungsstellen haben. Wir halten diesen Ritualismus für unveränderbar. Und wir fühlen uns darin – in dem Zuteilen von Gaben – sogar wohl und wir wollen selber gerne auch mal etwas zuteilen; immer schön von oben nach unten durchreichen.

Bei Matthäus wird nichts zugeteilt. „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ ist ein Ausspruch und Bekenntnis von Schöpfungserfahrung. Wir werden hergestellt nicht durch Zuteilung, sondern durch Schöpfung aus dem Nichts. Da wo Diskriminierung, Furcht und Selbsthass war, ist nun plötzlich Leben und Inspiration. Es gibt keine Macht in dieser Welt, die uns das nehmen kann. Es gibt aber auch keine Macht in dieser Welt, die über diese Erfahrung der Schöpfung aus dem Nichts verfügen und sie zuteilen könnte. Sie bleibt ganz allein Gott vorbehalten.

LGBTIQ+ und alle Menschen, die die Sünder und Zöllner von heute sind, sind berufen, diese Schöpfungserfahrung zu machen. Sie können sie aber nur machen, wenn wir von der Unseren erzählen; wenn wir unsere Erfahrung tatsächlich auch in unserem Leben wirksam werden lassen, so wie Xenia es getan hat. Gott hat uns die Schlüssel des Himmelreiches in die Hand gegeben, nicht die Schlüssel dieser Welt. Wir müssen uns nichts nehmen; es ist alles gegeben. Und wir dürfen diese Gabe nutzen. Wir dürfen zum Beispiel über den politischen Kampf, den Queers für sich selbst und für ein freies Leben kämpfen in der ganzen Welt, wir dürfen darüber öffentlich sprechen. Und wir können diesen Kampf als ein Kernelement aller freien und offenen Gesellschaften in dieser Welt verstehen. Die Frage nach den Ursachen der Gewalt gegen uns ist nämlich der entscheidende Schlüssel, keine Nebensache – sondern die Frage nach den Ursachen von menschlicher Gewalt schlechthin. Wir tragen diesen Schlüssel in uns selbst – und er ist uns von Gott gegeben. Das ist Schöpfung, diesen Schlüssel lebendig und wirksam werden zu lassen – dadurch, dass wir uns endlich bewegen lassen.

Amen.


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